Nicolai W. hat im Schuljahr 2003/04 ein Auslandsjahr in Orange County, Kalifornien, verbracht. Er lebte in einer Gastfamilie und besuchte die 11. Klasse auf der High School. Das Jahr war laut seiner Aussage eine großartige Erfahrung und hat riesig Spaß gemacht. Er hat viele Leute kennen gelernt und großartige Reisen innerhalb der Vereinigten Staaten gemacht.
Vorbereitung
Anfang der 10. Klasse bewarb ich mich bei einer Austauschorganisation für ein Auslandsjahr in den Vereinigten Staaten. In welchem Staat ich dabei landen würde, konnte ich mir nicht aussuchen. Ich wurde zu einigen Vorbereitungswochenenden eingeladen, auf denen ehemalige Austauschschüler uns von ihren Erfahrungen berichteten und uns auf eventuell auftretende Probleme vorbereiteten.
Das größte Problem ist wohl die Vorstellung, seine Familie für ein ganzes Jahr nicht sehen zu können. Ich hatte mich mit diesem Problem vor der Reise gar nicht auseinandergesetzt, da es ja eh nicht zu übergehen war. Auch die Angst, das ganze Projekt könnte in einem Desaster enden, kam bei mir nicht auf. Man hat es zwar im Hinterkopf, jedoch überwiegt die Vorfreude auf das Neue und Unbekannte.
Rund zwei Monate bevor ich flog erfuhr ich, dass es mich nach Orange County verschlagen würde. Als ich danach googlete und feststellte, dass ich an die Westküste südlich von Los Angeles im sonnigen Kalifornien leben sollte, war die Freude natürlich riesengroß. Im Nachhinein muss man sagen, dass der Standort nicht unbedingt die Garantie für ein gutes Auslandsjahr ist. Austauschschüler, die auf einer Farm in Kentucky wohnen, können ein genauso schönes Jahr haben wie welche, die es nach Hawaii verschlägt.
Später bekam ich dann die E-Mail Adresse von meiner Gastfamilie. Es ist etwas komisch, sich mit fremden Leuten zu schreiben, mit denen man dann später ein Jahr leben wird. Aber als eine freundliche Mail mit Familienfoto zurückkam, wusste ich, dass ich mir keine Sorgen machen brauchte.
Die Ankunft
Ende Juli 2003 war es dann soweit: Ich flog mit anderen Austauschschülern und Begleitern von Frankfurt nach Los Angeles. Die ersten Eindrücke der USA waren sehr aufregend. Aus dem Flugzeug ausgestiegen, grinste mich schon George Bush auf einem Plakat an "Welcome to the United States of America".
Als ich auf die Straße ging, fühlte ich mich wie in einen Hollywoodstreifen gesetzt. Stretchlimos, Hochhäuser und reges Treiben überall. Ich war eben Mitten in L.A. Vom Flughafen wurden wir dann von unserer Organisation in die Wüste Kaliforniens gebracht, wo wir nochmals auf das Jahr vorbereitet wurden. Dort machte ich gleich zwei interessante Feststellungen: Amerikaner stanzen gerne Siedlungen aus der Wüste und trotzen der Hitze mit Klimaanlagen, die sie viel zu stark aufdrehen. Dies hat den Effekt, dass es draußen einer Sauna gleicht und drinnen einem Kühlschrank.
Nach einem Tag wurde ich dann von meiner Gastfamilie abgeholt. Sie waren sehr freundlich und sehr beeindruckt von meinem Englisch (obwohl ich viel stockte und ich viele Worte nicht wusste). Ich lernte schnell, dass es blödsinnig war, sich für schlechtes Englisch zu schämen und dass man einfach drauflosbrabbeln muss. Zur Not hilft man sich mit Gebärdensprache. Als wir endlich zu Hause ankamen, wurde mir das Haus präsentiert, wobei meine Gastmutter sich für den kleinen Pool im Garten entschuldigte. Ich sagte ihr, dass der Whirlpool dies ja wettmachen würde. Ich lebte mich recht schnell ein und die erste Woche kam mir vor wie eine halbe Ewigkeit. Wenn man jeden Tag neue Erfahrungen macht, vergeht die Zeit langsam. Viele andere Austauschschüler beklagten sich über Kopfschmerzen, weil sie jetzt immer Englisch reden mussten. Ich hatte das Problem zum Glück nicht.
Ich musste am Anfang vieles ausprobieren und da ich gelernt hatte, immer freundlich "Ja" zu sagen und mich an allen Familienaktivitäten zu beteiligen, lernte ich schon in der ersten Woche die schnellsten Achterbahnen Amerikas,die Kirche, Hollywood und mexikanisches Essen kennen. Allgemein wurde mir viel Essen angeboten, was ich "unbedingt probieren musste". Da ich nicht unhöflich sein wollte, wenn es mir nicht schmeckte, sagte ich einfach "Interesting". Das bekamen sie schnell raus und machten sich über mich lustig. An mexikanisches Essen gewöhnte ich mich jedoch sehr schnell und mittlerweile ist es mein Lieblingsessen.
Die Familie
Meine Familie kam ursprünglich aus Texas (was es noch schwieriger machte, sie am Anfang zu verstehen), wo mein Gastvater Schweine züchtete. Mittlerweile war er nur noch Geschäftsmann und ließ sich deswegen in Kalifornien nieder. Er war ein sehr lustiger Zeitgenosse, mit dem man jedoch auch schnell aneinander geraten konnte. Er war der absolute Boss in der Familie und ohne seine Erlaubnis ging nix. Meine Gastmutter war eine sehr liebenswerte, freundliche Person. Sie machte sich immer viel Sorgen und was Mütter sonst so gerne tun.
Ihre ältesten beiden Kinder lebten noch in Texas, die Jüngeren beiden waren jedoch noch zu Hause. Mein Gastbruder war so alt wie ich und kam ganz nach seinem Vater. Wir waren sehr verschieden, was am Anfang zu Streit führte, da wir uns auch ein Zimmer teilen mussten. Im Laufe des Jahres änderte dies sich jedoch. Wir lernten einander zu respektieren und passten uns einander an. Mittlerweile ist er einer meiner besten Freunde. Seine ältere Schwester war die aufopferndste Person, die ich je kennen gelernt hab. Sie war sehr religiös und engagierte sich für viele Hilfsbedürftige. Trotzdem konnte man auch Spaß mit ihr haben.
Im Laufe des Jahres gingen die Leute im Haus ein und aus. Dies brachte unserem Haus den Spitznamen "Hotel California". Zuerst war da ein Mädchen aus Utah, die bei uns wohnte, um zu studieren. Nach 2 Wochen zog sie jedoch geschwängert aus. Dafür nahmen wir dann einen 2. Austauschschüler aus Budapest auf. Von nun an sollte er in meinem Zimmer wohnen. Er wurde im Laufe des Jahres mein bester Freund. Da wir in genau der gleichen Situation steckten und mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatten, war es sehr hilfreich einander zu haben. Nach ein paar Monaten kam dann der erste Sohn zum Jobben nach Kalifornien.
Da keine Zimmer mehr frei waren, musste er in der Garage wohnen. Dann war da noch Brother Timothee, ein Pastor aus Afrika. Auch er ging so schnell wie er kam. Als wir dann noch ein Mädchen aufnahmen, das vor der Alkoholikermutter flüchtete, musste auch mein zweiter Gastbruder in die Garage. Sie wurde allerdings schnell vor die Tür gesetzt, da sie mit Pyjamahose in die Schule ging (ein Trend, den mein Gastvater ungern sah). In den Märzferien kamen mich dann meine Großmutter und mein Bruder aus Deutschland besuchen. Also räumten der Ungar und ich das Zimmer und machten es uns in der Garage bei unserem smirnofftrinkenden, pfeiferauchenden älteren Gastbruder gemütlich.
Auch wenn wir uns manchmal in die Haare kamen, war ich froh in dieser verrückten Familie gelandet zu sein.
Die High School
Die ersten Wochen Schule waren sehr deprimierend. Das Schulsystem ist sehr anders als in Deutschland und es dauert etwas, bis man weiß, wie alles läuft. Wenn man es jedoch rausgefunden hat, ist die Schule leicht zu managen. Es ist schwierig Freunde zu finden, da die meisten Cliquen schon lange bestehen und man ja auch eine Geeignete finden muss. Da hilft es Schulsport zu treiben. Das Angebot sollte man unbedingt wahrnehmen, da das Sportprogramm an High Schools immens groß ist, man nichts Vergleichbares in Deutschland findet und eine sichere Eins bekommt. Ich versuchte es erst in der Fußballmannschaft. Da die Nachfrage aber sehr groß war, die Konkurrenz hauptsächlich Mexikaner waren, die sich auf dem Platz auf Spanisch unterhielten und ich leider nicht mit Talent gesegnet bin, schaffte ich es nicht ins Team. Also musste ich mir eine neue Sportart suchen. Ich fing mit Cross Country an, was im Prinzip Querfeldeinlaufen ist. ![]()
Im Rennen beträgt die Distanz 5 km (3,1 Meilen) und es geht auf und ab, durch Wälder und Wiesen. Am Anfang war es grauenhaft, da ich Trainingsrückstand hatte und laufen einfach keinen Spaß machte. Doch ich blieb am Ball und fand Gefallen an der Sache. Da Cross Country auch ein Teamsport mit Kapitänen und einer Teamwertung ist, machten das Training und die Rennen richtig Spaß. Vor jedem Rennen traf man sich bei einem zu Hause und aß Pasta, was den Teamgeist stärkte. Nach der Saison wechselten fast alle zu Track & Field (Leichtathletik). Dort lief ich die 1600 und 800 Meter. In der Staffel schaffte ich sogar eine Bronzemedallie.
Die Organisation
Ich fühlte mich eigentlich immer in sicheren Händen, da die Organisation sich gut um einen kümmerte. Sie organisierte regelmäßig Treffen für alle Austauschschüler, wodurch wir uns immer besser kennen lernten. Letztendlich lernte ich mehr europäische Freunde als Amerikanische kennen. Da wir später auch zusammen verreisten, wurden wir eine eingeschworene Gruppe. Mit den Leuten aus Brasilien, Norwegen, Japan, Italien, Belgien, etc. stehe ich auch nach 5 Jahren noch in Kontakt.
Reisen
San Francisco war unser erstes Ziel. Dort sahen wir Alcatraz, die Golden Gate Bridge, Chinatown und den Hafen. Frisco ist eine verrückte, bunte Stadt und, anders als viele andere Teile der Staaten, sehr liberal und europäisch. Die Stadt gefiel mir besser als Los Angeles.
Über Weihnachten ging’s dann mit der ganzen Familie im Auto nach Texas. Nach 24 Stunden Fahrt waren wir auf der alten Farm meiner Familie. Dort lebte jetzt die Familie meiner Gasttante. Das waren die Schwester meines Vaters, ihr schießwütiger, arbeitsloser Mann und 3 Kinder die sie aus China adoptiert hatten. Die Kinder konnten teilweise noch nicht richtig Englisch, ihnen fehlten Gliedmaßen und hatten mit sonstigen kleinen Behinderungen zu Kämpfen. Vor allem nachten sie aber Terror. An den Wehnachtstagen besuchten wir dann alte Freunde der Familie oder gingen hinters Haus um die Schießeisen des Onkels zu testen.
Die nächste Reise verschlug uns wieder in den Osten, und zwar nach Las Vegas. Da wir noch nicht 18, geschweige denn 21 waren, hielt sich der Spaß in Grenzen, aber die Stadt war auch nüchtern ein Erlebnis. Auf dem Rückweg machten wir dann am Grand Canyon und am Hoover Dam Halt.
Der letzte Trip ging wieder an den Hoover Dam, genauer gesagt an den See, der sich davor staut. Dort ließen wir unser Motorboot ins Wasser und suchten uns eine schöne Bucht. Das ganze Wochenende wurde gechillt, Jetski gefahren und getubt.
Außerdem habe ich einige Veranstaltungen besucht. Beim Eishockey war ich an VIP-Karten der L.A. Kings gekommen. Dann besuchten wir noch ein Baseballspiel der Anaheim Angels. Das Spiel war leider totlangweilig, sodass wir uns entschieden, früher zu gehen. Jay-Z schiens ähnlich zu gehen. Wir trafen ihn auf den Treppen, als die Limo schon unten wartete. Außerdem traf ich Matthew Perry bei einem High school Musical in Laguna Beach, auf dem seine Schwester performte.
Die Menschen
Amerikaner sind grundsätzlich ein freundliches Volk. Die Leute sind fröhlicher und offener als in Deutschland, was mit dem ständig guten Wetter zu tun haben könnte. Allerdings sind sie oft auch oberflächlich und sagen viel, was sie nicht so meinen. Wie die Amis ticken, bekommt man eigentlich recht schnell raus. Man lernt vieles kennen, wo man sich zuerst denkt "was fürn Schwachsinn". Aber dann merkt man entweder, dass es doch Sinn macht oder dass es in Deutschland auch viel Schwachsinn gibt. Letztendlich kann man nicht sagen, dies ist hier besser und das ist da besser. Es ist einfach anders.
Insgesamt habe ich das Jahr sehr genossen und würde es um nichts missen. Im Sommer 2006, gleich nach dem Abitur, bin ich wieder hingeflogen, um mit meinem Gastbruder wieder durch die Straßen zu ziehen. Später ist dann auch mein leiblicher Bruder gekommen, um sein Auslandsjahr in meiner Gastfamilie anzutreten. Außerdem war ich seitdem drei Mal in Budapest, meinen alten Zimmerpartner besuchen. Ein Auslandsjahr in Amerika ist eine super Erfahrung für jeden und man erlebt Dinge, die einen reifen lassen.
Abschließend noch ein paar Fotos von meinem Aufenthalt:
Euer Nic
karriere-hilfe.de - www.karriere-hifle.de